HÖHENFLUG IN WASSERTIEFEN

 

>> PRODUKTIONEN ÜBERSICHT

Begegnungen mit Wasserfrauen

Zwei Abende Musik und Literatur

 

Premiere: 21. und 22. November 2000

Helferei Grossmünster Zürich

 

Ach, teurer Leser, wenn du über ... Zerrissenheit klagen willst, so beklage lieber, dass die Welt selbst mitten entzweigerissen ist. Wer von seinem Herzen rühmt, es sei ganz geblieben, der gesteht nur, dass er ein prosaisches weit abgelegenes Winkelherz hat.
(Heinrich Heine: Die Bäder von Lucca)

 

Dass die Welt «mitten entzweigerissen» ist, ist eine Erfahrung, die als Heinrich Heine sie 1830 formuliert, alles andere als neu ist. Der «grosse Weltriss» und seine schmerzlichen Narben in der Psyche der Menschen sind auch kein Phänomen der Moderne. Motive der Literatur, der darstellenden Kunst und der Musik deuten darauf hin, dass der Schmerz über den Verlust der Einheit und Verbundenheit so alt ist wie die Menschheit selbst.
Ein schönes und reich ausgearbeitetes Motiv, das diesen Schmerz zum Ursprung hat, ist das der scheiternden Liebe zwischen Menschenmann und Wasserfrau. Die Wasserfrau, werde sie nun Nixe, Sirene, Lorelei, Undine oder Melusine geheissen, verkörpert immer das, was dem Menschenmann fehlt: Weiblichkeit, ursprüngliche Natur und Übersinnliches. Eine dauerhafte Verbindung zwischen Mann und Wasserfrau würde bedeuten, dass der Mensch ins Paradies zurückgefunden hat, dass er endlich wieder ganz geworden ist.
Unsere beiden Programme bündeln sich um die Motive Sirenen, Nixen, Undine und Melusine. Zwar sind sie inhaltlich und stimmungsmässig unterschiedlich gefärbt. Doch immer geben Musik und Text der ungeheuren Lockung und Sehnsucht, dem Glück und dem Schmerz des Scheiterns Audruck, den die Annäherung eines Mannes an eine Wasserfrau mit sich bringt. Mit Ernst und Ironie, mit Leichtigkeit und Schwere führen wir in die Welt der Wasserfrauen und der Sehnsüchte, die wir alle kennen.

Nixen und Sirenen

Schon Homer hat den Zauber der Sirenen besungen. Unzählige Male ist seither die unwiderstehliche Lockung, die von diesen tierhaften und zugleich heidnisch-göttlichen Wasserfrauen ausgeht, in Bild, Wort und Musik gefasst worden.

Die Männer werden von Schönheit und Gesang der Sirenen und der Nixen, ihrer Nachfolgerinnen, betört. Sie verlieren die Kontrolle, kentern mit ihrem Boot (die berühmte «Lorelei» von Heinrich Heine ist an diesem Abend allgegenwärtig), steigen in Seen und Flüsse, werden in Brunnen gezogen und nie mehr wiedergesehen. Einige überleben die Begegnung, sind aber für immer gezeichnet. Ein einziger leidenschaftlicher Augenblick reisst in den Abgrund oder bestimmt ein ganzes Menschenleben. Der Abend führt einmal ernst und tragisch, dann wieder heiter-ironisch in die Tiefen des Sirenen-Reichs – und wieder hinaus.

 

Mitwirkende

Lesung: Mathias Wendel

Gesang: Martina Bovet

Flöte: Claire Genewein

Klavier: Stefi Spinas

Textkonzept: Kathrin Siegfried

 

Programm

Daniel Schnyder (*1961)

Sailing für Flöte Solo

 

Homer (um 800 v.Chr.) aus:

Odyssee, Zwölfter Gesang

 

Friedrich Silcher (1789–1860)

Lorelei für Gesang und Klavier

 

Gerhart Hauptmann (1862–1946) aus:

Das Meerwunder

 

Clara Schumann (1819–1896)

Lorelei für Gesang und Klavier

 

Bela Bartók (1881–1945)

Suite op. 14 für Klavier: Allegro molto-Sostenuto

 

Franz Liszt (1811–1886)

Die Lorelei für Gesang und Klavier

 

P A U S E

 

Maurice Ravel (1875–1937)

Pièce en forme de habanera. Für Flöte und Klavier

 

Joseph von Eichendorff (1788–1857)

Der stille Grund

 

Deutsches Märchen 'Die Nixe im Teich'

 

Charles Koechlin (1867–1950)

Sonate pour piano et flûte op. 52. Adagio

molto tranquillo, Allegretto très modéré mais sans traîner, Final – Animé et gai

 

Franz Kafka (1883–1925)

Das Schweigen der Sirenen

 

George Gershwin (1898–1937)

Lorelei für Gesang und Klavier

 

Dieses Programm existiert auch in einer Kurzfassung ohne Pause. Dauer: ca. 55 Minuten.

 

Undine und Melusine

Von der Ehe mit einer Wasserfrau handelt der Abend um Undine und Melusine.

Undine hat als nicht-menschliches Wesen keine unsterbliche Seele. Um dieses kostbare Gut zu erhalten, heiratet sie einen Menschenmann, den sie grenzenlos liebt. Melusine ist mit einem Fluch beladen: Jeden Samstag verwandelt sich ihr Unterleib in einen langen Wurm. Nur die dauerhafte Ehe mit einem Menschenmann und die Wahrung ihres Geheimnisses könnten sie davon befreien.

In beiden Fällen läuft‘s leider schief, doch haben es die beiden Geschichten in sich: Sowohl literarisch als auch musikalisch bringt das Programm älteste und neueste Schöpfungen zusammen. Der Melusine-Stoff wurde im Mittelalter von Thüring von Ringoltingen erstmals deutsch bearbeitet, und das allerneueste Werk wird vom Schweizer Komponisten Daniel Schnyder beigesteuert. Er hat von uns einen Werkauftrag zum Thema Melusine erhalten. Die Aufführung seiner Komposition ist einer der Höhepunkte der Wasserfrauen-Veranstaltung.

 

Mitwirkende

Lesung: Katharina von Bock, Mathias Wendel

Flöte: Claire Genewein

Klavier: Stefi Spinas

Textkonzept: Kathrin Siegfried

 

Programm

Paracelsus (1493–1541) aus:

Buch von den Nymphen, Sylphen, Pygmäen und Salamandern und von anderern Geistern

 

Claude Debussy (1862–1918)

Préludes 2ème livre pour piano. Ondine

 

Jean Giraudoux (1882–1944) aus:

Undine, 1. Akt

 

Friedrich de la Motte Fouqué (1777–1843) aus: Undine

 

Carl Reinecke (1824–1910)

Sonate für Pianoforte und Flöte op. 167

 

Ingeborg Bachmann (1926–1973)

Undine geht

 

Leos Janacek (1854–1928)

Auf verwachsenem Pfade für Klavier:

Das Käuzchen ist nicht fortgeflogen

 

P A U S E

 

Thüring von Ringoltingen (1415–1483)

Melusine

 

Daniel Schnyder (*1961)

Sailing für Flöte solo

 

Daniel Schnyder (*1961)

Melusine für Flöte und Klavier

 

Daniel Schnyder (*1961):

Sonate für Flöte und Klavier, 2. Satz: A travers les ondes élastiques de l‘atmosphère

 

Dieses Programm existiert auch in einer Kurzfassung ohne Pause. Dauer: ca. 55 Minuten.



Pressebilder hochauflÖsend